Teilnahme an der Sportkite Freestyle Global Challenge

Im Rahmen des Internationalen Kitefestivals Borneo in Bintulu stellten sich Vertreter aus 12 Nationen einem Freestyle-Contest unter Chef-Judge Andrew Taylor. Ein neues Regelwerk erlaubt es, dass jeder gegen jeden in einem Kopf-an-Kopf-Wettstreit antritt. Für Deutschland durfte Grischa König antreten, vielen als fachkundiger Berater im Kiteshop Flying Colors in Berlin bekannt, und hier berichtet er aus erster Hand für Euch …

Da war sie, meine Herausforderung: ein Lenkdrachen-Wettkampf bei 30 Grad Celsius und 96 Prozent Luftfeuchtigkeit! Ich hatte seit 12 Jahren nirgends mehr teilgenommen; es waren noch 3 Wochen Zeit, eine Choreografie auf die Beine zu stellen; ich stand im letzten Jahr nur 4 Mal auf der Wiese und hatte zudem keinen aktuellen Reisepass – klar doch, da war ich dabei! So in etwa sahen meine Rahmenbedingungen im Vorfeld aus. Und wer im Herbst einmal in einem Drachenladen war, kann sich sicher vorstellen, dass dies der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für 10 Tage Urlaub ist. Dennoch wurde es mir ermöglicht, diese tolle Erfahrung zu machen – mein Dank geht an Mathias Haack, Andy Taylor und Flying Colors!

Kurzweilig
Meine Demo, welche ich auf Drachenfesten seit Jahren herunterspule, sitzt zwar wie eine Eins. Um damit an einem Wettkampf teilzunehmen, hatte sie aber von allem zu wenig: Zu wenig Choreografie, zu einfache Tricks – und außerdem konnte ich das von mir damals zusammengeschnipselte Lied schon lange nicht mehr hören.

Also begann alles mit der Suche nach einem neuen Track. Zwei Abende verbrachte ich mit Stöbern auf Youtube und dem Durchhören meiner eigenen Musiksammlung. Kurzweilig, wenig polarisierend und im Idealfall drei bis vier Minuten lang sollte das Stück sein. Ein Lied, zu dem man eine Choreografie aufbauen kann, braucht Akzente, sollte bei unterschiedlicher Windstärke genug Spielraum bieten, und der Pilot muss es wirklich mögen, denn er oder sie wird es hunderte Male hören. Es half alles nichts, ich musste selber ran. Zwei weitere Abende gingen so für das Schneiden meiner neuen Musik drauf – zwei Abende, an denen ich eigentlich bereits hätte üben müssen. Aber was sollte ich üben, wenn die Musik fehlte? Ich wurde langsam unruhig, zweifelte an meiner Entscheidung und war kurz davor, alles abzusagen. Ich konnte ja nicht einfach auf Borneo mit nichts ankommen. Die Zeit bis zur Abreise wurde immer kürzer und Wind brauchte ich ja auch noch irgendwie. Ich hatte aber wirklich Glück und erwischte drei fast perfekte Tage: einen mit Wind um die 12 Stundenkilometer, perfekt, um die Choreo auszuarbeiten; einen weiteren, um zu merken, dass sie bei wenig Wind so leider überhaupt nicht mehr funktionierte, und noch einen, um einzusehen, dass ich dann bei Wind über 30 Stundenkilometern richtig ernsthafte Probleme bekommen würde. Also änderte ich etwas hier und etwas dort und hatte unterm Strich nach einigen Tagen konzentrierten Fliegens ein fertiges Ballett – und endlich auch ein gutes Gefühl dabei, mich dieser Herausforderung zu stellen.

Finde zum Fokus zurück
Auch wenn es eine enorm kurze und etwas stressige Vorbereitungszeit war, merkte ich dabei stark, wie gern ich das eigentlich mache – fokussiertes, sauberes und vor allem choreografiertes Fliegen. Ich komme in eine Art Rausch und fliege die drei Minuten pausenlos hintereinander immer wieder durch, bis die Dämmerung die letzten Konturen verwischt und ich erschöpft zu Boden sinke, um meinen letzten Liter Wasser auf ex wegzukippen. Die eigentliche Schwierigkeit beim Wettkampf-Fliegen, zumindest für mich, ist die Aufregung. Tricks, die ich sonst fast blind absolviere, verreiße ich. Nach den ersten paar Durchgängen wird es meist etwas besser, aber das geht wohl vielen oder eventuell sogar allen Piloten so. Hier zeigt sich, wer routiniert und technisch perfekt fliegt.

Um den halben Globus
Nach einer solch harten Vorbereitungszeit war ich fast froh, 25 Stunden faul auf meinem Hintern sitzend einmal um den halben Globus geflogen zu werden. Was leider nur bis nach ­London mitflog, war mein Gepäck: Kleidung und auch alle Drachen kamen nicht auf Borneo an! Mir wurde aber versichert, dass alles schnellstmöglich nachgeschickt würde …

Ich war eigentlich vorbereitet auf Temperaturen um die 30 Grad und auch, dass es dort sehr feucht sein soll, war mir nicht entgangen. Aber wie sich 96 Prozent Luftfeuchtigkeit anfühlen, besser noch, wie sie aussehen, erfuhr ich just in dem Moment, als ich den kleinen, klimatisierten Flughafen von Bintulu verließ – zack, und meine Brillengläser waren beschlagen, und ich sah gar nichts mehr. Nochmal zack, und der Schweiß lief mir von der Stirn. Äußerst unpassend auch, dass ich eine lange, gemütliche Kuschel-Hose und hohe Schuhe für den Flug angezogen und nun nichts zum Wechseln dabeihatte. Ungünstig auch, dass der Wettkampf bereits am nächsten Morgen anfing und ich zusagte, in genau dieser Garderobe mit einem fremden Kite zu starten. Die von mir fest eingeplante Vorbereitungszeit, bei der ich mein Ballett noch einige Male am Vortag durchfliegen wollte, um lockerer zu werden, fiel also ins Wasser.

Wettkampf in Kuschelhose
Die erste Stuntkite Freestyle Global Challenge war von Andy Taylor gut geplant und perfekt durchstrukturiert worden. Auch wenn ich unschuldig am Zwischenstopp meiner ­Drachen in London Heathrow war, wollte ich nicht seine ganze Planung verwüsten und lehnte daher dankend ab, als Andy mir vorschlug, meine Head-to-Head-Battles zu pausieren, bis meine Drachen angekommen wären. Stattdessen flog ich mich durch die Palette aller Drachen, die mir netterweise und wie selbstverständlich von vielen Piloten angeboten wurden, und versuchte in der Kürze der Zeit, mit irgendeinem davon warmzuwerden.

Und es kam noch besser: Gleich die ersten beiden Durchgänge flog ich gegen die – wie sich später herausstellte – stärksten Konkurrenten: Ming Ming aus China und Valentin ­Martinet aus Frankreich. Beide Durchgänge wurden zugunsten meiner ­Gegner entschieden …

Alles ist wichtig
Das alles war aber gar nicht wichtig. Was hier wichtig und allgegenwärtig war: die Stimmung der Organisatoren und der Teilnehmer des Borneo International Kitefestival. Wir alle sind Drachen-Menschen; wir alle wollen den Himmel bunt machen.
Die ansässige Lenkdrachencrew war eine große Hilfe für uns und ständig damit beschäftigt, unseren Aufenthalt so unkompliziert wie möglich zu gestalten. Und genau so würde ich dieses Drachenfest, den Wettkampf und die Malaien beschreiben – unkompliziert! Es gab so einige Momente, in denen ich erstaunt, sprachlos und fasziniert war, wie einfach, unkompliziert und serviceorientiert das Leben dort vonstattengeht. Hinzu kommt, dass Drachen – Layang Layang genannt – einen etwas anderen Stellenwert als bei uns in Deutschland haben. Für Bintulu ist dieses Drachenfest ein wichtiges Event, auf das man sich freut … und so begegneten uns alle mit strahlenden Gesichtern. Wir waren keine Touristen, aus denen man Profit schlagen konnte, sondern – so empfand ich es – eine willkommene, interessante Abwechslung.

Radlader voller Eis
Wer bei 30 Grad und 96 Prozent Luftfeuchtigkeit Sport treibt, muss trinken – viel trinken. Normalerweise trinke ich ausschließlich hochreines, zellverfügbares Wasser. Hier war ich dennoch wirklich sehr dankbar für jeden Tropfen Nass, der uns vom Orga-Team gebracht wurde. Unsere große Kühltruhe wurde nämlich ein bis zwei Mal am Tag, mithilfe eines Radladers, mit Wasserflaschen und Eiswürfeln befüllt. So trank ich an einigen Tage bestimmt bis zu 10 Liter Wasser. Wer so viele Eiswürfel zur Verfügung hat, nutzt diese natürlich auch so gut es geht aus, und so fingen wir irgendwann an, uns die Würfel unter die Mützen oder ins T-Shirt zu stopfen – sehr effizient!

Zur Challenge
Die erste Stuntkite Freestyle Global Challenge diente auch dazu, Probleme zu erkennen, Abläufe zu optimieren und die Regeln gegebenenfalls anzupassen. Das Format von SKFGC ist ein interessanter Mix und setzt sich aus einem Head-to- Head-Battle und einem Ballett zusammen. Wer am Ende die meisten Punkte aus beiden Bereichen mitbringt, gewinnt den Wettkampf. Head-to-Head bedeutet, dass 2 Piloten im direkten Vergleich insgesamt 3 Minuten gegeneinander abwechselnd 30 Sekunden zu ihnen vorher unbekannter Musik Tricks fliegen. Drei Judges bewerten währenddessen, wie gut die gezeigten Tricks auf die Musik passen, wobei ein Wertungsrichter ausschließlich den Schwierigkeitsgrad und die technische Ausführung der Tricks bewertet. Für einen Sieg bekommt man 3, für ein Unentschieden 2.5 und für eine Niederlage 2 Punkte. Und so flogen wir 2 Tage lang – jeder gegen jeden – insgesamt 45 Battles.

Das ist im Endeffekt ähnlich wie ein Trickout, welches einige von Euch kennen werden. Der Unterschied liegt darin, dass es nicht allein um die Schwierigkeit und Ausführung der Tricks geht, sondern ebenfalls um die Stimmigkeit derselben mit der Musik. Man muss also sehr genau gucken und zwar schwere, Punkte-bringende Tricks fliegen, diese aber auch irgendwie passend zur Musik abliefern. Wichtig ist nämlich, nur aus dem jeweiligen Match als Gewinner hervorzugehen, und so war das Ganze auch ein gewisses taktisches Geplänkel. Man verfolgt während seiner 30 Sekunden Wartezeit, was der gegnerische Pilot abliefert, und kann dann seine Tricks daran anpassen. Liefert der Andere sehr schwere Tricks und diese sehr passend zur Musik ab, muss man eben doch riskanter fliegen. Dieses Format hat mir persönlich viel Spaß gemacht, vor allem, weil man anfangs eben nicht weiß, welche Musik einen erwartet und sich dann blitzschnell irgendwie darauf einlassen muss. Die Stimmung war immer fair und es gab wirklich keinen einzigen schlechten Verlierer. Im Gegenteil – wir sind Tricklenkdrachen-Piloten von überall auf der Welt, und wir feiern gemeinsam jeden Sieg und supporten jede Niederlage. Wirklich eine tolle Truppe! Das Ballett sollte zwischen 3 und 4 Minuten lang sein. Hier konnten wir nicht nur zeigen, was für Tricks wir draufhaben, sondern vor allem auch, dass wir uns mit der Musik und der Choreografie auseinandergesetzt hatten. Auch diese Bewertung fand durch dieselbe Jurorengruppe statt. Und diese Judges waren wirklich gut gewählt: Mit jahrelanger Erfahrung in der objektiven Bewertung einer teilweise sehr schwer zu beurteilenden Disziplin haben sie immer sehr fair und professionell entschieden.

Das Ballett machte mir im Vorfeld mehr Kopfzerbrechen als das Head-to- Head. Hier ist mein Anspruch immer höher, und ich habe genaue Vorstelllungen davon, was ich abliefern möchte. Leider konnte ich beide Durchgänge nicht völlig fehlerfrei fliegen, war aber ansonsten relativ sicher und kam auch hochbewertet durch. Im Head-to-Head besiegte ich nach den beiden Niederlagen, anfangs mit fremden Drachen, alle weiteren Piloten bis auf Paul de Bakker. Hier gab es ein Unentschieden. Ich konnte letztendlich knapp den 2. Platz in der Gesamtwertung erreichen und bin darüber natürlich sehr glücklich.

Aus Individuen werden Freunde
Lenkdrachenfliegen beziehungsweise der Trickflug sind ja eher Sportarten für Individualisten. Wenn man allerdings einmal wegkommt vom Konkurrenzgedanken eines Wettkampfes, ist so etwas eine prima Möglichkeit, zusammen Spaß und eine tolle Zeit zu haben. Man pusht sich gegenseitig und genießt es, mit Leuten zusammenzusein, die genau dieselbe seltsame Vorliebe für sündhaft teure, spinnakerbespannte Kohlefaser-Stäbe haben wie man selber. Wettkämpfe sind vor allem auch ein toller Weg, unseren Sport und die Begeisterung dafür nach außen zu transportieren. Ich habe selten eine so angenehme Atmosphäre zwischen Konkurrenten erlebt und bin sehr froh, diese einmalige Erfahrung gemacht zu haben. Jeder sollte einmal an einem solchen Wettkampf teilnehmen, denn das bringt einen fliegerisch und auch persönlich wirklich weiter. Denn letztendlich ist Glück doch das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt …