Raketengespann von Wolkenstürmer

Im Rahmen der Einsteiger-Kite-Vorstellung im Lenkdrachen-Special von KITE & friends 5/2016 sind wir auf den Rocket von Wolkenstürmer aufmerksam geworden. Durch seine steife Gestängeauslegung bietet er sich besonders dazu an, ein Gespann zu bilden. Beispielhaft für andere Einsteigerlenkdrachen haben wir uns somit den Rocket vorgenommen und gleich noch zwei weitere Exemplare geordert.

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Probehalber wird ein Tampen am Stab angebuchtet und dann der Längenverlust nachgemessen

Der Rocket wird in einer einfachen Drachentasche mit einer Klarsichtseite geliefert. Auf der zugeschweißten Verschlussklappe sind Abbildungen des Rocket und technische Daten zu sehen. Auf der Rückseite befindet sich eine kurze Aufbau- und Startanleitung. Der Lieferumfang beinhaltet neben dem Drachen einen Lenkdrachenratgeber, der in Deutsch und Englisch die wichtigsten Grundlagen des Drachenfliegens – teilweise bebildert – gut nachvollziehbar vermittelt. Das wertige, 25 Meter lange Dyneema-Lenkset mit 50-Dekanewton Belastbarkeit und Flugschlaufen auf einem Winder entspricht dem Soll-Standard der Ausstattung eines guten Lenkdrachens. Laut meiner Einschätzung im Lenkdrachen-Special ist der Rocket „ein markanter Drachen für mittlere bis kräftige Winde, der Einsteigern bei mäßigem Wind gute Lernvoraussetzungen und bei höheren Windstärken hohes Entwicklungspotenzial in Sachen Speed bietet.“ Im Detail bedeutet das, dass der Rocket durchaus schon ein „Schippchen“ Wind ab drei Windstärken aufwärts mag, um ordentlich Flugspaß zu bieten. Im Inland empfehlen sich Gelände mit ungehinderter Windströmung. „Am Strand oder in der Großstadt auf der Abraumhalde“, heißt entsprechend die Empfehlung auf der Website von Wolkenstürmer. Wer als Einsteiger ein geeignetes Fluggelände sucht, ist gut beraten, sich im Drachenforum unter www.drachenforum.net in der Rubrik „Flugreviere“ nach geeigneten Geländen in Wohnortnähe umzusehen.

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An den kurzen Tampenschlaufen eingebuchteter Gespannzügel

Die Basis
Das Flugverhalten des Rocket ist äußerst ausgeglichen und damit auch gutmütig, sodass Einsteiger sich vollständig darauf konzen­trieren können, das Fliegen mit diesem Drachen zu erlernen. Auch auf böige Winde reagiert der Rocket absolut moderat mit sanfter Zunahme an Zugkraft, was natürlich auch daran liegt, dass für ihn bis in hohe Windstärken Flugleinen mit einer Belastbarkeit von nur 50 Dekanewton ausreichen. So stellt sich uns die Frage, wie der Kite im Dreiergespann loslegt.

Verbindungsschnüre berechnen
Als Grundlage für den Aufbau des 3er-Rocket-Gespanns bediene ich mich der Regel, dass der Abstand der Drachen zueinander etwa dem Rechenergebnis aus Leitkantenlänge (hier 83 Zentimeter) plus Spannweite (hier 128 Zentimeter) dividiert durch 2 betragen sollte, was beim Rocket rund 106 Zentimetern entspricht. Um dieses und alles Weitere zu ermitteln, brauche ich außer den drei Rocket-­Drachen einen Zollstock, einen Schreiber, einen Block, eine Schere, ein Feuerzeug und Grundkenntnisse in Mathematik. Um auf den gewünschten Abstand der drei Drachen zueinander zu kommen, muss ich berücksichtigen, dass durch Schlaufen und unterschiedliche Knoten Längenverluste auftreten, die ich ausrechnen und zuaddieren muss. Die Verbindungsschnüre müssen an beiden Enden je eine Schlaufe haben. Also messe ich am losen Ende der Schnurrolle 10 Zentimeter ab, ­knicke die Schnur dort und mache nahe dem losen Ende einen Knoten hinein. Wenn ich die Länge dieser Schlaufe nachmesse, habe ich durch den Knoten bei den hier verwendeten, mit 50 Dekanewton belastbaren ummantelten Dyneema-Schnüren einen Längenverlust von 3 Zentimetern. Wenn ich ganz am anderen Ende der Schnur eine gleiche Schlaufe montiere, habe ich auch hier einen Längen­verlust von 3 Zentimetern plus 10 Zentimetern Zugabe, macht insgesamt dann 26 Zentimeter. Ich probiere weiter, indem ich eine aus der Schnur gefertigte Probeschlaufe mittels Buchtknoten am Leitkantenstab des Drachens befestige, und messe einen Längenverlust von 2,5 Zentimetern. An dem anderen Drachen muss die Schnur zwangsläufig mittels Buchtknoten an einen Tampen angeknüpft werden, der mittels Buchtknoten am entsprechend gegenüberliegenden Waagepunkt am Gestänge ­montiert wird. Für den Tampen schneide ich 7 Zentimeter von der Schnur ab und verknote sie an den Enden. Wenn der Tampen eingebuchtet ist, bleibt eine Länge vom Stab bis zum Knoten von 1,5 Zentimetern, die deshalb von der Netto-Gesamtlänge der Verbindungsschnur abgezogen werden müssen.

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So stehen die verbundenen Gespanndrachen nach der Knoterei vor einem

Untere Gespannverbinder
Daraus ergibt sich für uns folgende Berechnung: Die Grundlänge von 106 Zentimetern plus zweimal 10 Zentimeter für die Schlaufenzugabe, plus zweimal 3 Zentimeter für die Knoten in den Schlaufen, plus 2,5 cm für die Bucht am Seitenstab, plus 1,5 Zentimeter für den Buchtknoten am Tampen und – jetzt aufgepasst – minus 2 Zentimeter als Abstand des Knotens am bereits angeknüpften Tampen zum Seitenstab. Insgesamt müssen also pro Koppelleine 134 Zentimeter Schnur von der Rolle abgeschnitten werden. Dreimal für die unteren Verbinder (jeweils für die Seitenverbinder und einmal für den Mittelstab) des Leitdrachens bis zum Folgedrachen und noch einmal drei Schnüre, um die unteren Bereiche des mittleren und des dritten Drachens miteinander zu verbinden – macht insgesamt sechs gleichlange Koppelleinen.

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Lohn: Ein attraktives, sauber fliegendes Gespann, das man so nicht fertig kaufen kann

Obere Gespannverbinder
Jetzt müssen noch die Koppelleinen für jeweils einen oberen Anlenkpunkt am Mittelstab geknüpft werden, wobei wir den Knoten der Serienwaage, der 15 Zentimeter vom Mittelstab entfernt sitzt, als Anknüpfpunkt nutzen. Somit ziehen wir am Ende statt der 2 Zentimeter unserer Leitkanten-Anknüpftampen diese 15 Zentimeter ab und voilà: 121 Zentimeter können für die Verbindung vom ersten zum zweiten Drachen abgeschnitten werden. Nun noch zur oberen Koppelleine vom mittleren zum letzten Drachen. Dafür verwenden wir die gleiche Koppelleinenlänge, doch müssen wir hier die Möglichkeit schaffen, dass man den letzten Drachen etwas mit der Nase nach hinten – also steiler – stellen kann, damit er durch stärkeren Zug das Gespann „langzieht“. Es fliegt dann stabiler. Dazu muss ich beim letzten Drachen (nach dem Öffnen der Klettbandabspannung am Kielende) den Mittelstab soweit aus der Drachennase herausziehen, dass ich die mit Buchtknoten dort fixierte obere Waageschnur abnehmen und durch die kleine Öffnung im Drachensegel hinausführen kann. Jetzt mache ich unterhalb des oberen Tampenknotens, wo die Waage vorher bereits geteilt war, im Abstand von etwa 2 Millimetern noch drei weitere Knoten. Danach den Waageschenkel wieder einhängen und den Mittelstab spannen. Für die mit Buchtknoten eingehängte Koppelleine ergeben sich so drei steilere Verstellmöglichkeiten. Wenn ich das Gespann dann eintrimme, kann ich den Anstellwinkel zum Wind für den letzten Drachen an den vier Knoten so verstellen, dass er optimal fliegt.

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Im Köcher befindet sich jeweils einer der in zwei Farbvarianten erhältlichen Rockets

Ab in den Himmel
Schon der Jungfernflug mit dem Rocket-Gespann löst vom ersten Eindruck her gute Gefühle aus. Dass der letzte Drachen in engeren Kurven etwas hinterherläuft, kann ich durch das Verstellen der oberen Verbindungsschnur an den vier Knoten des letzten ­Drachens so vermindern, dass dieses Nachlaufen in sehr engen Kurven nur noch an der untersten Windgrenze bei unter drei Windstärken passiert. Ab 3 Beaufort fliegt das Gespann in engen Kurven stabil. Auch bei fünf Windstärken fliegt es zügig, aber nicht zu schnell, sodass geübte Einsteiger kaum die Kontrolle darüber verlieren dürften. Es ist ein chilliges, sehr entspanntes Fliegen, da das Rocket-Gespann Allround-Qualitäten in Perfektion bietet. Bei mehr als 4 Beaufort würde ich bereits Lenkschnüre mit 100 Dekanewton Belastbarkeit ver­wenden. Dass meine Begeisterung für das Rocket-Gespann nicht nur meine subjektiven Eindrücke wider­spiegelt, sehe ich auch daran, dass Strand­gänger stehenbleiben, um sich den Flug der Drachen anzuschauen, und mich vereinzelt sogar welche ­darauf ansprechen. Mit der Serienwaage aus 25-Dekanewton-Polyester fliege ich das Gespann bis ­höchstens 5 Beaufort, darüber hinaus muss man eine stärkere Waage montieren.

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Oben wird die Serienwaage genutzt und durch Verstellknoten modifiziert

Fazit
Vom Ergebnis her kann ich voller Überzeugung ­feststellen, dass sich die etwas aufwändige ­Frickelei mit Koppelleinen und Tampen absolut gelohnt hat. Man muss sich schon etwas Zeit ­nehmen, um alle Längen richtig abzustimmen, aber hier liegt womöglich auch der Reiz. Ganz ohne Vorkenntnisse im ­Drachenbau kann man auf der Basis der einzelnen Rocket-Lenkdrachen eigenhändig ein ausdrucks­starkes und ­präsent fliegendes Gespann herstellen.