Ein Drachenworkshop in Nepal

Als die Idee aufkeimte, ich könnte zum ersten Mal in meinem Leben nach Nepal reisen, verschwendete ich zunächst keinen Gedanken an Drachen oder Workshops mit Kindern. Im Zentrum stand die großartige Aussicht, dieses faszinierende Land kennenzulernen – und das nicht als Touristin, sondern als Gast von Privatpersonen.

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Aus dem mitgebrachten Segeltuch wurden möglichst viele Drachen gebaut

Nepal, das Land nach dem Erdbeben; Nepal, das Land der unglaublichen Berge; Nepal, eine unbekannte Welt. Ein weiteres Ziel der Reise war aber auch, ein Kinder-Hilfsprojekt zu besuchen: Der Verein Siddhartha – Hilfe für Nepal fördert seit 2005 ein Kinderhaus in Dhulikhel, einem Ort etwa 25 Kilometer östlich von Kathmandu. Das befreundete Ehepaar, das mich zu dieser Reise eingeladen hatte, ist zugleich Initiator und Gründer des Vereins. Die Geschichte des Kinderhauses begann mit einem einzelnen Kind, dem man damals zu einer lebensnotwendigen Operation verhelfen konnte. Der Junge wurde zum Namensgeber des Vereins. Um weiteren notleidenden Kindern zu helfen, gründeten die Initiatoren kurzerhand eine eigene Wohngruppe, aus der über die Jahre hinweg das Kinderhaus entstand. Heute leben dort 30 Kinder; weitere werden zusätzlich in Form von Schulpatenschaften betreut. Das verheerende Erdbeben des Jahres 2015 war für das Projekt in Dhulikhel ein großer Rückschlag. Immerhin: Das Haus blieb halbwegs unbeschädigt, und vor allem: Kein Kind wurde ernsthaft verletzt – in der nahen Umgebung hatten nicht alle so viel Glück. Jetzt ist das nächste große Ziel, genug Geld zusammenzubekommen, um ein modernes, aber vor allem erdbebensicheres Gebäude zu bauen.

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Die Kinder waren Experten im Drachenbau und im Improvisieren

Die Idee zum Workshop
All diese Gedanken und eine gehörige Portion Aufregung nahm ich mit zu unserem Reisevorbereitungstreffen. Die Formalitäten wie Visum und Unterkunftsorganisation waren schnell geklärt, und somit gingen wir zum Plaudern über. Und da kam natürlich das Thema schnell auf mein Lieblingshobby, das Drachenfliegen, und vor allem das Drachenbauen. Die Idee war bald geboren: Warum nicht mit den Kindern von Dhulikhel einen Drachenworkshop abhalten? Also machte ich mich an die Arbeit und klärte, wie so ein Workshop aussehen könnte, wie ich das mit so vielen Kindern hinbekommen würde, was ich mitbringen musste. Mit der Hilfe von Christoph Fokken von Spiderkites fiel die Planung leicht. Wir würden einen Kinder-Sled bauen, denn dafür benötigt man nur Kleber und Scheren. Ja, wir hätten auch etwas nähen können – nur, wie sollten wir genügend Nähmaschinen zusammenbekommen und darauf vertrauen können, dass an diesem Tag einmal nicht der Strom ausfiel? Zudem wird in Nepal weitgehend noch an Fußtrittmaschinen genäht, die hier meist nur noch als Dekoration in den Wohnungen stehen. Ich habe also meine Einleinertuchreste zusammengesucht und noch etwas aus dem Vorrat von Christoph aufgestockt, dazu Schnüre, Baupläne und jede Menge Klebeband in den Koffer gepackt. Als Gestänge würden wir einfach nehmen, was wir vor Ort finden konnten: An Bambus herrscht in der Region kein Mangel.

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Lust auf Drachen hatten in Nepal alle!

Zur Ausführung
Ich war ziemlich nervös – würde ich mich mit meinem stotternden Englisch mit den Kindern unterhalten können? Hätten sie überhaupt Lust zu bauen? Würde alles wie geplant klappen? Nun, das mit dem Englisch bekam ich so halbwegs hin – in Nepal lernen die Kinder bereits sehr früh in der Grundschule Englisch, sodass ich mich auch mit den Kleinsten halbwegs verständigen konnte. Und Lust auf Drachen hatten sie alle – und wie! Also trafen wir uns oben auf der Dachterrasse, ich breitete meine Materialien und Baupläne aus und wir machten uns an die Arbeit. Auf dem Handy zeigte ich Bilder, wie der Drachen später aussehen sollte, wie man am besten das Gestänge einklebt – und dann ging alles ganz einfach. Die älteren Bewohner des Kinderhauses griffen mir tatkräftig unter die Arme und wir ­bauten gemeinsam eine Vielzahl von Drachen. Zwei Kleinigkeiten stellten sich allerdings als problematisch heraus: Erstens gab es ­weniger Bambus als erwartet. Also mussten harte Gräser und Reisigstöcke herhalten, was aber durchaus funktionierte. Das zweite Pro­blem war die unglaubliche Menge an Sand und Staub in der Luft. Der Kleber erwies sich als keine gute Idee – das Tape war in kürzester Zeit unbrauchbar. Aber dank der kreativen Bindetechniken der Jugendlichen hatten wir doch bald alle Sleds fertig. Die Jungs hatten viel Vergnügen an dem Spinnakertuch, jedoch lachten sie ein wenig über den, wie sie es nannten, „German-Kite“. So machten sie sich auch noch daran, einen richtigen Nepal-Kite zu bauen: Einen großen Kirk-Kampfdrachen, den sie mit den letzten Bambusstäben spannten.

Fluggelände? Fehlanzeige!
Nach einem tollen Bastelvormittag machten wir uns auf den Weg zum einzig freien Platz in der näheren Umgebung, der sich angeblich zum Drachenfliegen anbot: der Schulhof der Kinder. Schon wurden wir mit den nächsten Problemen konfrontiert: Erstens machte das vom Erdbeben beschädigte Gebäude, in dessen Nähe wir uns bewegten, keinen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Zweitens liefen Stromleitungen am Rande des Geländes (nahe am Abgrund in die Bergsenke) entlang. Mein Einwand, man könne auf keinen Fall mit den Drachen hier fliegen, wurde mit dem trockenen Hinweis zerstreut, um diese Tageszeit wäre ziemlich sicher eh kein Strom auf den Leitungen. Das Hauptproblem des Tages kennen wir aber alle: Täglich weht am Fuß des Himalayas ein leichter, angenehmer Wind – nur ausgerechnet an diesem Tag bewegte sich kein Lüftchen. So reichte es aus, den Kindern zu sagen, sie sollten von den Leitungen weit genug fernbleiben, damit nichts passierte. Auch, wenn die Drachen nur mit viel Körpereinsatz und Rennen in der Luft zu halten waren – wir hatten eine Menge Spaß! Die Jugendlichen und Kinder liefen im Kreis, die Drachen flogen hinterher. Nur der Nepal-Kite entpuppte sich für Nullwind dann doch als zu schwer und blieb trotz leidenschaftlicher Startversuche beharrlich am Boden. Die Kids waren trotzdem begeistert – und ob mit oder ohne Wind: Das gemeinsame Drachenbauen war sicher für uns alle ein Höhepunkt des Besuchs im Kinderhaus von Dhulikhel.