Die Idee vom fliegenden Zwoggel

Was kann passieren, wenn der Nikolaus ein neues Spiel bringt und begeisterte Drachenflieger den Heiligabend nutzen, um es auszuprobieren? Wenn im Freundeskreis ein talentierter ­Einleiner-Drachenkonstrukteur für die aufkeimende Idee gewonnen werden kann – dann so einiges.

Fangen wir von vorne an. Letztes Jahr am Heiligabend saßen wir zusammen und probierten ein neues Spiel aus. Im Verlag Steffen Spiele war das total niedlich gestaltete Zwoggel für zwei und mehr Personen erschienen. Während wir so spielten, kam uns die Idee, dass das kleine Monster einen prächtigen Drachen abgeben würde und doch eigentlich fliegen lernen müsste. Die erste Überlegung war: Na klar, ist doch ganz einfach – der Stein, auf dem das Monsterchen sitzt, hat die Form eines Rokkakus! Einfach aufmalen oder applizieren, fertig. Aber wir waren uns schnell einig, dass der Zwoggel etwas Besseres verdient hatte. Also dachten wir: Fragen wir doch einfach mal Carsten Domann, ob er sich für ein solches Projekt begeistern ließe. Und das alles am Heiligabend …

Inspiration
Gesagt, getan – ein Foto der Spielkarte wurde zu Carsten geschickt und vorsichtig angefragt, ob er etwas in der Art entwerfen könne. Seine Antwort kam prompt: „Soll ich dir das auf einen Rokkaku nähen?“ Nun, darauf waren wir ja selber bereits gekommen. Also schrieb ich zurück: „Nein, ohne Drachen drumherum“. Carsten versprach, darüber nachzudenken, doch nun war ja erst einmal Weihnachten – dachten wir.

Am Tag danach kam schon der erste Entwurf. Carsten hatte den Zwoggel zunächst in ein Grafik-Programm geladen und eine Vektorgrafik von dem kleinen Kerl erstellt. Dafür zeichnete er eine Hälfte nach und spiegelte die Grafik dann. Carsten schrieb mir kurze Zeit später, dass er sich in den kleinen Kobold verliebt habe. Wir waren begeistert von seinem ersten Entwurf, aber auch vom Tempo, mit dem alles voranging – immerhin war ja noch immer Weihnachten. Doch wir hatten anscheinend ein sehr gutes Timing bewiesen, denn Carsten, im Hauptberuf Apotheker, war im Bereitschaftsdienst. Wie er später erzählte, kann er beim Nachtdienst manchmal an Entwürfen arbeiten oder sogar Drachen nähen.

Von der Form zum Gerüst
Meine Rolle beschränkte sich von nun an darauf, die Entwürfe zu kommentieren, mit Anregungen oder leichten Korrekturen zu Ausdruck und Form des Zwoggels. Für Carsten war dann die nächste Herausforderung, die Stabführung zu entwickeln. Ein Stab hält die Form rund um den Kopf, was bei früheren Modellen bereits gut funktioniert hatte. Da ein Flachdrachen mit Flächenwinkel immer etwas stabiler fliegt als ein rundgespannter, wollte Carsten gerne mit Eddy-Kreuzen arbeiten. Der Kopf und die Ohren sollten mit einer Spreize unterstützt werden, ebenso die Arme und die Beine. Am meisten Kopfzerbrechen bereiteten dem Designer Hände und Füße. Schnell wurde auch klar, dass mit handelsüblichen Stabverbindern nicht viel anzufangen war. Für den ersten Prototyp wurden die Verbinder noch aus bereits vorliegenden Teilen gebastelt. Später wagte sich Carsten – tatsächlich angeregt durch die kürzlich in den KITE& friends-Ausgaben 1- und 2-2019 veröffentlichten Beiträge – erstmals daran, mittels eines CAD-Programms eigene Verbinder zu entwickeln. Ein Bekannter druckte ihm dafür die ersten Teile.

Zug um Zug
Für den Bereitschaftsdienst zwischen den Feiertagen packte Carsten kurzerhand die Nähmaschine ein und fing in den Leerlaufzeiten an zu bauen. Jeden Tag erreichten uns neue Fotos über die Geburt des ersten, grünen Zwoggels. Viele kleinere Lösungen entstanden dabei während des Bauens: So wurden die filigranen Teile wie Finger, Ohren, Hörnchen und Füße mit transparenter Kunststofffolie – recycelt aus Deckblättern von Heftmappen – hinterlegt. Am Neujahrstag 2019 erreichten uns das Bild und das erste Video des Jungfernflugs. Der kleine Kobold wurde von Carsten zunächst mit einer Zweipunkt-Waage ausgestattet. Sein Leitsatz war dabei: Komplizierter kann man es ja immer noch machen, wenn es nicht funktioniert. Aufgrund der unterschiedlichen Flächen und des filigranen Aufbaus erwarteten wir ein eher lebhaftes Flugverhalten. Aber der Zwoggel überraschte uns: Er flog zwar nicht so stabil wie ein Rokkaku, aber doch verhältnismäßig ruhig. Ich war begeistert und machte mich direkt daran, einen eigenen Zwoggel zu bauen.

Weiterer Weg
Damit sollte die Karriere des Zwoggels aber nicht enden. Wir überlegten, wie wir den süßen Drachen verbreiten könnten. Zunächst schrieb ich vorsichtig an Steffen Spiele, erzählte dem Inhaber Steffen Mühlhäuser, dass sein kleines Monster fliegen gelernt hatte, und fragte, ob er einverstanden sei, wenn wir den Drachen veröffentlichten. Steffen war sofort begeistert und gab noch ein paar Anregungen zur Umsetzung, etwa zur richtigen Kopfform. Später, als wir ihn besuchten, gab er zu, dass er nicht damit gerechnet hatte, wie groß und spannend dieses Projekt werden würde. Er dachte, wir wären halt ein paar enthusiastische Bastler – womit er ja auch recht hat. Da der Drachen sehr aufwändig gearbeitet ist, bietet er sich nicht zur kommerziellen Verbreitung über einen Hersteller an. So fragte ich bei der Redaktion an, ob KITE & friends vielleicht Interesse an einem Beitrag hat. Damit nahm die Karriere des Zwoggels so richtig Fahrt auf. Für das nächste Heft dürft Ihr Euch auf den Bauplan und die dazugehörigen CAD-Dateien freuen. Auch werdet Ihr von Carsten mehr über sein Schaffen erfahren.