Praxistest des LeinenLenny

In den 80ern wurden die Drachenleinen über Griffhaspeln gewickelt; in den 90ern waren Spezi-Spulen beliebt; spätestens seit dem Millenniumswechsel haben sich sogenannte Multi-Winder – flache Wickelvorrichtungen, auf und um die beide Lenkdrachenschnüre zusammen in Achten gelegt werden – bei Lenkdrachenfliegern etabliert. Doch damit konnte sich Jörg Schaaf nicht anfreunden, und so hat er mit dem LeinenLenny eine alternative Wickelvorrichtung entwickelt.

01
Andocken: Die Rolle klickt einfach im Block ein

Wie in der KITE & friends-Ausgabe 6/2016 bereits vorgestellt, verfügt das Spulensystem über ein ans Handgelenk angelegtes Basisteil mit einem Achsblock als Aufnahme für die auswechselbaren Rollen, auf welche die Schnur gewickelt ist. Nach dem Anknüpfen an die Drachenwaage spulen sich die beiden Schnüre beim Gang zum Startplatz selbstständig ab und ermöglichen es, den Kite sofort einsatzbereit zu haben. Nach dem Flug ­werden die Schnurenden jeweils an einer Seite der Rolle eingehängt und mit der integrierten Kurbel leichtgängig eingerollt.

02
Stramm: Hier ist die Basis richtig am Arm befestigt

Was geht drauf?
Die Aluminiumrollen mit knapp 90 Millimeter Durchmesser verfügen über zwei getrennte Leinenaufnahmen von je 30 Millimeter Breite. Das reicht locker für 50 bis 60 Meter aller Schnüre, die man zum Fliegen aus dem Stand einsetzt. Alternativ kann man zwei kürzere oder dünnere Schnüre zusammen auf einer Hälfte aufwickeln, um den LeinenLenny für zwei Sätze zu nutzen.

Los geht’s
Mit einer auf dem Winder aufgewickelten Schnur und dem LeinenLenny geht es raus zum Fliegen. Erst einmal wird die Leine vom Winder ausgelegt – flott und ohne verhaken läuft mir die Schnur runter, und am Ende liegen die Schlaufen für den Flug bereit. Nach dem Flug möchte ich sie mit dem ­LeinenLenny einrollen – zu Beginn ist die Befestigung am Handgelenk noch ungewohnt, sitzt zu locker und das Kurbeln läuft dabei nicht ganz rund, aber es klappt. Beim zweiten Mal freue ich mich, die Leinen locker von der Rolle laufen zu lassen, und wie versprochen ist die Drachenschnur zügig einsatzbereit. Ich nutze den lauen Wind bei prima Abendstimmung. Doch bald geht die Sonne unter und die Hände werden kalt. Das Einwickeln wird zur Wackelaufgabe – irgendetwas habe ich falsch gemacht. Ah, aufgrund der dicken Klamotten habe ich die Schlaufe zu nahe an der Handfläche angelegt und durch die dicken Ärmel begann die Halterung zu rutschen – ein Bedienungsfehler! Wie das Sprichwort sagt, soll beim dritten Mal alles gut werden. Das Abrollen läuft sowohl sprich- als auch wortwörtlich wie am Schnürchen. Nach dem Fliegen kommt wieder der LeinenLenny zum Einsatz. Diesmal befestige ich die Armschlaufe besonders sorgfältig, positioniere sie ein Stück oberhalb des Handgelenks und ziehe das Klettband gut fest. Schon läuft die Rolle sauber und das Kurbeln wird zum Kinderspiel. Der Kite liegt am Rand des Windfensters, dadurch verweht die Schnur ein wenig beim Einholen. Kein Problem, wenn die Schnüre zuerst durch die Finger gleiten, bevor sie sich auf die Spule legen. Ups, ich habe übersehen, dass die Schnur sich noch einmal verdreht hat, bevor der Kite auf dem Bauch lag. Auch das ist kein Problem, denn ich kann zwischendurch die Spule abnehmen, einmal entdrehen, wieder einklinken und den Spulvorgang fortsetzen. Geschafft!

01
Die Kurbel mit durchsichtigem Griffteil

Also?
Es geht mit dem Lenny, keine Frage. Doch all die Jahre habe ich mich an die Winder gewöhnt. Da hat es schon fast etwas Meditatives, nach einem schönen Flugtag die Schnüre in Achten zu legen. Außerdem bin ich gewohnt, den flachen Winder mal eben zum Kite in den Köcher zu stecken. Der leere Winder liegt meist neben dem Bodenstecker oder steckt lässig in der Gesäßtasche der Jeans. Das alles geht mit dem neuen Helfer nicht. Der Lenny ist vergleichsweise unförmig; das schicke Aluteil schmeiße ich ungern einfach in den Sand, auch wenn sowohl die Rolle als auch die Basisaufnahme mit den Klettbändern leicht abzuklopfen sind und beim Achsblock ein einfaches Freipusten reicht, um ihn wieder gängig zu machen.

02
Technisch ein Highlight: die LeinenLenny-Rolle

Mein Blickpunkt
Über die Jahre hat sich das Aufwickeln bei mir eingespielt, und ich bin wie der Cowboy, der seinen Colt griffbereit im Holster hat. Ich schaue gar nicht mehr ständig hin, sondern unterhalte mich mit Drachenfreunden oder lasse die Gedanken schweifen. Das Auslegen geschieht locker aus der Hand, und selbst wenn sich dabei mal eine Schnur verhängen sollte, bringt mich das nicht aus der Ruhe. Anders mag das bei Einsteigern sein, die sich an den Umgang mit Schnüren im Wind erst einmal gewöhnen müssen, wobei jeder Griff Neuland bedeutet. Steht Ihr wie Jörg Schaaf mit dem Winder auf Kriegsfuß? Dann geht zu Flying Colours und holt Euch so einen Lenny für die Leine! Die Dinger sind toll ausgeführt und dafür preislich im Rahmen. Spätestens wenn ein einzelner Eurer Drachen das Fünffache des Lenny kostet, steht die Ausgabe in guter Relation. Und wer weiß: Vielleicht werden irgendwann auch die alten Cowboys des Drachenfliegens ihre Achten leid und setzen auf die Hightech-Rolle aus dem Main-Kinzig-Kreis.